Mittwoch, 7. Mai 2014

Diako be (ich liebe es)


Seit Stunden versuche ich diesen Blogeintrag zu schreiben. In Worte zu fassen, was ich im vergangenen Monat erlebt habe. Aber es fällt mir schwer. Einen Monat 14 km von der Zivilisation entfernt ohne Strom, ohne Fliessendwasser. Nichts. Rundum Dschungel, mitten in einer riesigen Familie. Eine Familie, die sich von ihrem selber angepflanzten Reis ernährt. Eine Familie, die in unseren Augen als äusserst arm bezeichnet würde, aber auf eine Art und Weise unvorstellbar reich ist. Eine Gemeinschaft, wo jeder das leistet was er schon oder noch kann. Menschen, die sich gegenseitig helfen, unterstützen und eine überwältigende Toleranz aufweisen.
Das Leben dort ist so einfach, so naturverbunden, so kreativ, so hart, so lehrreich, so faszinierend und so wunderschön. Es war eine überwältigende Erfahrung, ihren Alltag mitzuerleben, die madagassischen Handwerke zu erwerben, die Menschen kennenzulernen und ihre Handhabungen zu verstehen. Es hat mich so berührt, dass ich gar nicht weiss, wie ich dir das erzählen kann, dass du verstehst, was es mit mir gemacht hat. Langsam beginne ich Madagaskar mit meinen eigenen Augen zu sehen und vieles wird mir klar oder bewusst dabei. Ich habe Verständnis für Dinge, die ich in der Schweiz niemals akzeptieren würde. Ich bin voller Bewunderung für die dort Sesshaften und unendlich dankbar dafür, dass ich, auch wenn nur für eine kurze Zeit, einen Teil davon sein durfte. Ich hatte so viel Zeit, diese so unterschiedlichen Welten miteinander zu vergleichen. Hatte so viel über meine Denkweise, meine Handhabungen sowie meine Macken nachgedacht. Mir wurde bewusst, wie oft ich mich in meinem Alltag über kleine Dinge, andere Menschen ärgere, wie oft ich mich selber in Stress versetze obwohl es überhaupt nicht nötig wäre. Diese Menschen in Maromitsinjo, wie der Ort dort heisst, sind Geduld, Toleranz und Fleiss in Person. Wenn ich nur einen kleinen Teil von ihrer Lebensphilosophie in meinen Schweizeralltag einbringen kann, bin ich überglücklich. Aber ich weiss schon jetzt, dass es mir schwer fallen wird und ich immer wieder in meine alten Muster zurückfallen werde. (wag es ja nicht, mir das dann unter die Nase zu streichen!)
Vor mim Di Hei am Riis choche

Mini Chuchi
ja, de hani nonig so

In diesem Holzhaus habe ich gewohnt. Der Wind zog zwischen den Brettern hindurch und so manche Nacht hab ich furchtbar gefroren. Wasser hab ich am Brunnen in einem Eimer geholt und diesen auf meinem Kopf – natürlich nicht annähernd so graziös wie die einheimischen Frauen das handhaben – zurück zu meinem Haus getragen. Abends, nach einer eiskalten „Chübelituschi“ hab ich im Kerzenlicht Briefe geschrieben, gelesen gestrickt und gekocht. Dies mit einem Ding, das sich Fatapera nennt. Eine Art Grill, wobei die Pfanne direkt auf die Holzkohle gestellt wird. Spätestens um neun fiel ich völlig erschöpft aber durch und durch zufrieden ins Bett. Dies, weil ich es mir nicht entgehe lassen wollte alles mitzumachen, was auch die Madagassen machen. Morgens half ich meinen Nachbarn im Reis zu arbeiten. Zurzeit ist die Reisernte angesagt. Hast du gewusst, dass es zwei verschiedene Arten von Reisanbau gibt, wobei bei der einen jedes „Äri“ einzeln mit einer Art Japanmesserklinge abgezwackt wird? Da mir keiner wirklich erklären konnte, wie man das richtig macht, hab ich halt rechts und links abgeschaut. Die erste Woche schaffte ich immer nur ein „Äri“ aufs Mal. Alsbald ich das zweite auf die gleiche Hand nehmen wollte, fiel mir das erste wieder runter. Gegen Ende des Monates bin ich aber bei stolzen zehn angelangt. Da sich alle Familien gegenseitig helfen, ist es natürlich ein Anlass um Klatsch und Tratsch auszutauschen und für mich eine optimale Gelegenheit um madagassisch zu lernen. Nun, da sie weder Französisch noch Englisch sprachen, war ich wohl darauf angewiesen. Inzwischen kann ich kommunizieren und fragen was ich möchte, bei ihrer Antwort muss ich aber immer noch beachtlich raten.
 
Minou am mitsangotra vary


wer brucht das Jahr na en kreative Hochziitsstruss?



 Am Mittag gibt’s Picknick auf dem Feld. Natürlich Reis – viel Reis -  mit etwas Bohnen oder gekochten Blättern. Nach getaner Arbeit wird der Reis in Körben und Säcken auf Kopf oder Schulter nach Hause getragen. „Wenn die das können, werd ich das wohl auch noch hinbekommen“, hab ich mir gedacht, mich dabei aber mächtig getäuscht. Zweimal ist mir der Sack, der nur halb so fest gefüllt war, wie jener der anderen, runtergefallen und als ich endlich ankam wusste ich nicht mehr wie ich mich bewegen sollte. Der Kopf tat am nächsten Tag noch weh.

Die andere Reissorte wird im Wasser angepflanzt. Bei dieser Variante schneiden die Männer mit einer Sichel Bündel ab und legen sie auf den Boden. Die Frauen sammeln diese Bündel ein, legen sie auf eine aus Blättern geflochtene Leine, binden sie zusammen und tragen sie auf dem Kopf zum „Depot“. Am nächsten Tag steht dann das „mively vary“ an. Mit einem Holzstab werden die Reiskörner aus den Ären geschlagen. Meine Güte das gibt Blasen an den Händen und Muskelkater für sieben! Zu Hause wird der Reis an der Sonne getrocknet und bevor er gekocht werden kann, widmet man sich dem „toto vary“. Dieses Wort besteht, so weit ich weiss, nicht im deutschen Wortschatz – würd es mal als „entschelfere“ betiteln. Dies funktioniert mit einem überdimensionalen Mörser, der die Blasen wieder schön aufreisst und den Muskelkater nochmals verdoppelt. Während ich darauf konzentriert war, den Reis nicht aus der Schale zu schieben und die extrem aerodynamische Begegnung abzuschauen schlug ich mir das dumme Ding doch des Öfteren an den Kopf. 



mively vary

mitoto vary
 
Mini Apitek hani innerhalb vonere Wuche plünderet. Ob für mich oder die wo da läbäd. Apitek oder Arzt isch vierze Kilometer wiiter eweg - isch denn wiit ohni Auto! (Bepanthene und Bepatine sind mini beste Fründe worde)


i blib debii: Schoggibruun halt ;)
Nun ist mein Körper ein riesen Frack. Bin übersät mit entzündeten Wunden vom Barfuss gehen und Aufkratzen der Mückenstiche, dass ich, was das anbelangt, gar nicht so undankbar bin, wieder in der Zivilisation zu leben. Die Körper der Madagassen sind durchtrainiert und sich diese Strapazen gewohnt. Sie waren mir gegenüber jedoch immer äusserst nachsichtig: „Ja, du lernst ja noch…“, hiess es so oft, wenn mir etwas noch nicht gelang. Sie waren aber auch sonst so zuvorkommend. Luden mich immer in ihr Haus, vielleicht gerade zum Essen ein oder kamen auch öfters bei mir vorbei um zu plaudern, zu stricken, den Kater nach dem Ball, wie sie die Landparty hier nennen, auszuschlafen, sich gegenseitig, die Läuse vom Kopf zu entfernen, UNO zu spielen oder einfach ein bisschen zu sein. Besonders die Kinder kamen täglich vorbei. In diesem Dorf leben soooo viele Kinder, das können wir uns gar nicht vorstellen! Auf die vier Schwestern, die alle eine andere Mutter haben und eine weitere Frau, deren Mann der Bruder des Vaters der vier Schwestern ist (ja, es hat mich auch nen Monat und eine ausführliche Zeichnung gekostet, bis ich das verstanden habe) sind ca 27 Kinder verteilt. 




Am Ball am tanze (oder posiere)
Ich glaube, das ist mitunter ein Grund, warum mich die Zeit dort so berührt hat. Ich möchte nichts generalisieren oder jemandem etwas unterstellen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass einige dieser Kinder das Endprodukt eines Balles waren. Ein Anlass, wo alle ordentlich betrunken sind und die Geburtenrate neun Monate später ansteigen lässt. Aber das spielt dort keine Rolle. Die Kinder sind hier und akzeptiert. Aber es würde sich nie jemand bemitleiden oder beklagen für eine Aufgabe, die ihm zugeteilt ist. Ob als Mutter, die täglich harte Arbeit leisten muss um die Kinder zu ernähren, ob als neun Jähriges Kind, das so viel Verantwortung trägt für seine Geschwister, wie sie das bei uns mit achtzehn Jahren noch nicht tragen müssen, oder als Baby, das die Mutternähe nur Morgens und Abends kurz zu spüren bekommt. Wir würden da in der Schweiz eine Gefährdungsmeldung machen, weil die Kinder verwahrlosen und uns mächtig den Mund darüber zerreissen, was das für eine schlechte Mutter ist, die die Kinder alleine zu Hause lässt und sich ihnen nicht mal richtig widmet, wenn sie dann mal da ist. Hier besteht unter Erwachsenen ein viel grösseres Verständnis dafür. Helfen tun sie, indem sie ein Kind der Schwester in ihrer eigenen Familie aufnehmen. Auf meine Frage, warum dass denn der Sohn der Mutter bei der anderen Mutter lebe, lautete die Antwort: „Tsy maninona“ (Es macht nichts). So eine grosse Toleranz! So eine grosse Akzeptanz! Ich habe nie jemanden gehört schlecht über den anderen zu reden! Mai, da könnten wir ganz viel von diesen Menschen lernen. Wie schimpfen wir doch gerne über andere, wie lassen wir uns gerne über Fehler unserer Mitmenschen aus, anstelle sie in ihrem Dilemma zu unterstützen. Ich kann nicht behaupten, die Situation dort wäre besser. Keinem Kind wünsche ich, so aufwachsen zu müssen. Aber genau das meine ich, wenn ich sage, diese Menschen sind auf ihre Art und Weise unendlich reich. Sie machen, was sie können. Sie sind zufrieden mit dem was sie haben. Sie arbeiten fleissig und gerne auf ihren Reisfeldern. Jahr ein Jahr aus. Sie beklagen sich nie über Langeweile. Sie freuen sich Wochen im Voraus auf Events wie ein Ball, das Kino im Nachbarsdorf, welches den Film „Jesus“ in einer Kirche (Anita, da hätte deine Tante ganz sicher nicht platz gehabt) zeigt und das Bild halb so gross ist, wie so mancher Plasmabildschirm der bei euch zu Hause steht, das gemeinsame Kartenspielen, das Taoka gasy (Rum) trinken, was sich die Männer eigentlich nie entgehen lassen, die Reisernte bis hin zu einem Fussballspiel, das bis 3h Weg zu Fuss in Anspruch nimmt. (3h Hinweg, 1h Fussballspiel und wieder 3h zurück – ja da schlafen alle gut in der Nacht). Ja, diese Menschen in Maromitsinjo sind uns Mailen voraus, was Zufriedenheit und Ausgeglichenheit anbelangt. 

Weil in der Schule während vier meiner fünf Wochen vor Ort Ferien waren und sie mich im Vorfeld nicht darüber informierten, unterrichtete ich am Nachmittag auf ihren Wunsch Englisch. Zuerst für die Kinder, die freiwillig zur Schule kommen wollten und anschliessend für Erwachsene. Einige hatten über ne Stunde Weg. So lernwillige Schüler hab ich noch selten erlebt. Ein bisschen ist es schon schade, dass so lange Ferien waren. Die drei Lehrerinnen hätten eine Weiter – nein, eher eine Ausbildung sehr gut gebrauchen können. Es tut mir extrem Leid für die Kinder. Was ich gesehen habe, kommen die 250 Kinder morgens zur Schule, spielen den ganzen Tag und kehren am Nachmittag immer noch als Analphabeten nach Hause. Es stimmt mich traurig, denn wo sonst, wenn nicht in der Schule, sollen sie Lesen und Schreiben lernen? Ihre Eltern können es selber nicht. Aber das scheint dort normal und völlig akzeptiert zu sein. 


Ja und nun ist dieser Monat schon wieder vorbei. Es war eine Erfahrung, die ich niemals vergessen werde. Habe so viel gelernt. So viel verstanden. So viel bewundert. So viele Menschen kennengelernt. Menschen, die so arm aussehen aber so ein reiches Herz haben. - Davon wünsch ich uns allen ein bisschen. 



Morgen kommen Kathrin und Lea – ich freu mich wie ein Honigkuchenpferd (was füre cuuls Wort!) Das Reisen lag irgendwie immer so weit weg und nun steht es quasi vor der Türe. Mit dem Velo geht es erstmal Richtung Süden, dann schauen wir weiter. Freu mich so noch mehr über dieses vielfältige Land zu lernen, Dinge zu verstehen und Menschen kennenzulernen (Das hätte ich vor zwei Monaten ja auch nie behauptet!). Wie es mit meinem Blog weitergeht weiss ich noch nicht – aber irgendwie halte ich dich schon auf dem Laufenden… 
Drück euch ganz lieb! 

Grüsse von einer Chrigi mit einem Herzen wie ein Schmetterling. So glücklich, so zufrieden, so überwältigt, so…. voller Leben!

Montag, 31. März 2014

Mafinaridra (Wunderbar)


In den vergangenen vier Wochen habe ich so viel Wunderbares erlebt. Es schien mir, als hätte ich das Land, ja gar den Kontinenten gewechselt. Es ging von schönen, herzlichen und lustigen Begegnungen über bezaubernde Landschaft bis hinzu einem traurigen Erlebnis, welches in einer Beerdigung endete. Aber der Reihe nach.


 
Mit Claudinne "chnöpfli" kochen - mmmmh... nu de Chääs fählt! Huu, de fählt würklich!

Vom ersten Moment an, als ich in Nosy Varika, das kleine Städtchen am Rande der Ostküste, ankam, fühlte ich mich bereits zu Hause. Schon auf dem Weg dort hin habe ich so viele liebenswürdige Menschen kennengelernt, die einfach so mit mir plaudern wollten und schlussendlich nicht nach einem Geschenk fragten. (habe gemerkt, wie arg mich Tana geprägt hat – bei jeder Person, welche auf mich zukam überlegte ich mir bereits, wie ich sie am besten wieder abwimmeln konnte, ehe es um Geld gehen würde…)
Ich bezog in Nosy Varika also ein kleines Zimmer bei Mdm. Caroline, der Mutter von meiner madagassischen Freundin Linda. Sie führt dort ein Hotel und ich musste mich entsprechend nie um Essen oder ähnliches kümmern. Die Hausangestellten waren super. Mit Claudinne ging ich drei mal die Woche joggen und abends spielten wir mit vielen anderen zusammen UNO. Ich fühlte mich so richtig wohl und willkommen dort.

Tanzuffüerige am Morge

Am darauffolgenden Tag war der 8. März – Tag der Frau. Das wird in Madagaskar gebührend gefeiert. Am Morgen mit Gebeten, Nationalhymne, Reden und Tänzen – wie sie das halt so handhaben an den madagassischen Festen. Am Nachmittag fand dann ein Fussballmatch für die Mütter statt. Ein riesen Spektakel und das halbe Dorf war zusammengekommen um sich das anzuschauen. Du kennst mich, habe natürlich mitgespielt und so kam es, dass ich nach nicht mal 48 Stunden ganz viele Bekanntschaften schloss und schon mehr freundliche Worte austauschte als während meiner sieben Monate in Tana. Am Abend fand dann noch ein Ball statt bei uns im Hotel. Haha, das madagassische Tanzen ist echt soo lustig und die Musik erst… Gegen Mitternacht waren die Männer „mamo be“ (betrunken) und als sie dann Céline Dion auflegten und alle mit mir tanzen wollten, machte ich mich wieder aus dem Staub…

Tanze: Chopf wines Huen, Arm wi Robotter und d Füess wie zgschnells Ärobic!


Am Sonntag genoss ich einen Spaziergang durchs Dorf: Die meisten Häuser sind aus Holz gebaut, geteerte Strassen gibt es nicht, Kirchen dafür umso mehr und auf dem Markt bekommst du wie überall die besten Früchte und dort auch täglich frischen Fisch. Irgendwann landete ich am Strand. Musste aber vorher das öffentliche WC durchqueren. Die Menschen haben keine Toiletten in ihren Einzimmerhäuschen. Daher verrichten sie ihr Geschäft zwischen Dorf und Meer in den Gebüschen. Der Strand ist unendlich lange und kaum ein Mensch ist anzutreffen. Irgendwo setze ich mich unter ne Palme und beginne zu stricken… Was für ein Ausblick sag ich euch! Kam ich doch mal an Menschen vorbei, hörte ich sie hinter meinem rücken tuscheln: „Vazaha mahay bolla be“ (Fremde weiss Fussball sehr) – nun ja, das Niveau war auch nicht besonders hoch ;)

 
Was wotsch na meh?

Am Montag ging ich dann in die Schule. Es ist ein Projekt, welches von Europa her finanzielle Unterstützung erhielt. War aber Hilfe zur Selbsthilfe. Nun nähert es sich nämlich dem Ende und es macht den Anschein, als könne die Schule weiter selbständig existieren. Es funktioniert folgendermassen: Mütter, meistens sind sie alleinstehend, dürfen ihre Kinder gratis in die Schule schicken. Im Gegenzug müssen sie sich aber am Gemüseanbau für die Schule beteiligen oder das Kochen übernehmen. Die kleineren Kinder dürfen in der Schule Mittagessen, damit ihre Mütter länger arbeiten können im Projekt, welches mit der Schule gekoppelt ist. Die Mütter bekommen dort die Gelegenheit ein Handwerk zu erwerben. Sie nähen Hüte, kultivieren Reis und Gemüse, züchten Honig etc. Einen Teil vom verdienten Geld fliesst in die Schule, den anderen Teil dürfen sie für sich behalten. Auch erhielten sie dort schon die Gelegenheit einen Schulkurs zu besuchen um den sehr stark verbreiteten Analphabetismus zu bekämpfen.
Also, in dieser Schule wollte ich mithelfen. Schon am ersten Tag wurde ich gefragt, wann denn die Information stattfinden würde. - Welche Information denn? - Ja, jene für die Lehrer. Sie hätten keine Ausbildung und die Schule könne sich keine Weiterbildungen leisten. – Aha, ok. Ja, nächsten Mittwoch? Und so kam es, dass ich jeweils am Mittwochnachmittag eine Minilehrerausbildung auf die Beine stellte. Habe in meinem Leben noch nie so wissbegierige Augen von Erwachsenen vor mir sitzen gehabt. Es war wunderbar mit ihnen zusammen zu arbeiten. Fühlte mich vom ersten Moment an akzeptiert, integriert und gebraucht. Schönes Gefühl!
 
Mini Schuel

Aaah, Chinzgi gee - isch eifach scho öpis schöns!!!

D Fraue wo fürs Projekt schaffed

Schuelerreis an Strand

Ja, so verging die Zeit wie im Flug. Kam aus dem geniessen und dem fröhlich sein gar nicht raus. Bis Donnerstag war. Unsere Mdm. Cusinié beklagte sich schon länger über Bauchschmerzen. Sie hätte Fibronen, wollte sich aber auf keinen Fall operieren lassen – aus welchem Grund auch immer. Am Donnerstag wurde sie ins Spital gebracht, alle Lehrer begleiteten sie. Meine Güte. Diese Frauen hier sind stark! (Das sage ich nicht aus Emanzipation heraus! Sondern aus purer Bewunderung) Diese Frau muss höllische Schmerzen gelitten haben! Im Spital selber gibt es keine Medikamente. Der Arzt schrieb welche auf, die dann von den Angehörigen in der Apotheke, welche einige hundert Meter vom Spital entfernt ist, gekauft werden müssen. Nach zwei Stunden starb die Frau. Die Bestürzung über den doch sehr plötzlichen Tod war gross. Sie wurde in einem Reis sack in ihr Haus getragen, wo sie von ihren Liebsten gewaschen wurde, während wir anderen draussen warteten. Die folgenden 24 Stunden waren für mich überwältigend. Es war so anders. So viele kleine Rituale, so seltsames Verhalten um ihre Trauer auszudrücken. Vieles würde ich gar nicht glauben, wenn ich es selber nicht gesehen hätte. Ich werde es dir hier schildern:
Als die Türe aufging stürzten alle Frauen hinein und begannen auf Knopfdruck zu weinen. Der Klang erinnerte an eine Art Sirene. Eine Mischung aus Weinen und Reden – sie geben der Toten ihre Gedanken mit an ihre bereits verstorbenen Familienmitgliedern . Im ersten Moment war ich völlig irritiert. Es sah so aus, wie wenn wir übertheatralisch heulen und uns quasi darüber lustig machen… Hier ist das aber völlig echt. Einige Frauen verfielen dabei einer Art Schockzustand. Das nennt sich dromba (Dschumba ausgesprochen). Es sah aus, als hätten sie einen epileptischen Anfall. Sie zuckten am ganzen Körper und waren wie weggetreten. Die Frauen, welche sie aus dem Haus zogen, versuchten sie wachzurütteln und ihnen Wasser einzuflössen. Irgendwann kamen sie wieder zu sich, nahmen den Teller, aus welchem sie zuerst viel Wasser trinken und schlagen sich diesen dann ganz oft und ziemlich hart über den Kopf, während die herumstehenden Frauen Wasser darüber schütten. Anschliessend werden ihr die Beine gestreckt, Wasser darüber geschüttet und mit der Hand darauf geklopft. Das gleiche bei Armen und Kopf. War diese Prozedur vorbei, begann die Frau wieder zu weinen und ging erneut ins Haus hinein. Ich stand selber etwas unter Schock, als ich das sah. So fremd, so unwirklich. Wie ist das möglich, dass man sich emotional so in etwas reingeben kann, dass der Körper schlussendlich so stark reagiert? Ihre Erklärung ist, dass die Körper der Frauen von Geistern übernommen wird und sie diese nur so wieder rausbringen können. Nun, ich war froh, nach zwei Stunden nach Hause zu gehen und die ganzen Eindrücke zu verdauen. Es ging mir ziemlich unter die Haut. Nach dem Mittag holten wir Mdm Cusinié (so wurde sie immer genannt – ich kenne ihren Nahmen nicht anders) ab. Sie wurde vom ganzen Dorf singend begleitet zum Fluss getragen, wo sie in ein Schiff geladen wurde um sie in ihr Heimatdorf zu fahren. Alle Lehrer Mdm. Caroline und ich begleiteten sie. Bei Heck und Bug wurde Rum darüber geschüttet und die madagassische Flagge wurde aufgehängt. Das Schiff drehte noch fünf Mal im Kreis, ehe wir Flussaufwärts davon fuhren. Am neuen Ort angekommen, wurden wir bereits erwartet. Die Männer legten Mdm. Cusinié auf eine Bare und trugen sie die fünf Kilometer bis zum Dorf zurück. Es war schon dunkel, als wir ankamen. Im Haus von ihrem Bruder wurden wir empfangen, quetschten uns alle hinein, enger als ein Taxi Brousse, immer wieder kamen Menschen rein, welche in diesem schrecklich hohen Ton ihre Traurigkeit aussprachen. Keiner Wollte recht verstehen, dass diese Frau nun tot war, obwohl sie sich doch hätte operieren lassen können. Anschliessend begaben wir uns in das Haus, wo Mdm Cuisiné mit Tüchern bedeckt war. Wir sangen lange um den Geist zum Himmel zu begleiten. Wenn die Frauen es schaffen, singen sie die ganze Nacht, während die Männer im Haus nebenan Karten spielen und sich betrinken. Nach zwei Stunden gingen wir wieder und kehrten am nächsten Morgen zurück, setzten uns vors Haus und waren traurig mit den verschiedenen Menschen, welche vorbeikamen. Es wurde viel geweint, viele Frauen verfielen dem dromba und so war es plötzlich zehn Uhr. Die Männer trugen Mdm. Cusiné zur Grabstätte, während alle Frauen wieder zu singen begannen und folgten. Beim Grab angekommen richtete der Pfarrer einige Worte an die Angehörigen, ehe wir wieder zurück zum Haus gingen, uns dort die Hände wuschen und die fünf Kilometer und zwei Stündge Bootsfahrt wieder zurück nach Nosy Varika in Angriff nahmen. 

 
*wunderschön traurig*


Es war ein prägendes Erlebnis, welches ich nie wieder vergessen werde. Bin froh, durfte ich daran teilnehmen. Es hat mich Madagaskar wieder einen Schritt näher gebracht. Ein unglaublich spannendes Land. So anders, so fremd aber im Grunde haben wir doch so viel Ähnliches.  

Dienstag, 4. März 2014

Madagasikara

Meine Lieben,
Habe zwei unglaublich schöne und bereichernde Wochen hinter mir. Gemeinsam mit Päde und Bäschamää bin ich mit dem Taxibrousse gegen Süden gereist. Wir haben viel gesehen und erlebt. Mit Männer zu reisen ist unglaublich entpsannend. Wenn der Motor eines Taxibrousses nicht gleich startete, war ich ganz beruhigt, weil Bäschamää dabei war und wenn mich ein madagasse fragte, ob ich denn verheiratet wäre, zeigte ich immer auf den grossen Patrick (keine Sorge Céline! Notlüge) dann schwirrten die Madagassen jeweils schnell ab... 

Aber ich will dich für heute nicht länger zuquatschen sondern werde einfach einige Bilder (die sich nicht so drehen wollen wie ich das will) posten. So kannst du dich während der Arbeit auch mal ein bisschen in ein Paradies träumen... (Ich verstehe nun, warum die Menschen behaupten Madagaskar wäre so unglaublich schön! Diese Vielfalt, diese grossartige Natur! Atemberaubend! 



Mini Gspööndli (ufem Chopf)
D Reis mit de berüemtberüchtigte Taxibrousse

Fahrer: D Handbräms isch kaputt, chasch gschnäl drufsta, wärend ich s Gepäck vom Dach hole?

Mir sind Steiriich...
De Dschungel - e Wält für sich


En Tag ohni Riis isch kein richtige Tag!

 

Die 3 Denker



Das Gfühl vo soo vill Natur und ich sälber so en chline Teil devo isch atemberaubend... (es erinneret mi starch a Irland)

 

D Tierwält...

(Tante) Therese, das Bild isch für dich...
Oise Guide: "Ja, die Spinne isch jetzt giftig... Ja und sie spuckt ires Gift, aber sust isch nid wiiter schlimm..."
Und natürlich d Lemuure - würklich lustigi Wese...

 

Schlussändlich chömed mer im Paradies a:

Oises Huus in Anakao im Hotel Atlantis - das isch Himmel uf Erde!

Han s Gfühl i chängi s erstimal richtig dureschnufe, sitti da bin.

D Insle ganz i de nächi... (Wie im Film!)

 

En UUsfluug, sowas vo cuul...

Eimal hemmer ois mitere Piroge hinders Riff fahre laa, womer au mal händ chöne go tauche ga. Dete hets Wällänä - s wär es riise Surferparadies. Während mir das kläglich versuecht händ, isch oisen "Schofför" mit de Harpuune go fische. Nachere Stund simmer uf die Insle gfahre, wod obe xeesch. Dete hends ois es madagassisches Picknick gmacht - en Traum!





I hett ja erlichxeit nüme dra glaubt, dass ich das jemals no wirde behaupte: Aber Madagaskar isch unglaublich schön! 
Liebe Päde, liebe Bäschamää, danke vill mal für die super Ferie! De hemmer! 

 

Und no e madagassischi Erfahrig

Gägäs Ändi vo de Ferie hani chum me chöne sitze oder laufe oder sta, han en Abszäss gha. Wonis nüme usghalte han, bini denn im Spital go ineluege. Dete händs das ufgstoche und d Flüssigkeit usedruckt. I ha gmeint i segi härt im nä, aber dem war nicht so! Di heime het d Mel, mini noii Mitbewohnerin das ganzi namal müese mache... 
Oisen Operationstisch

Lokalanästesie: Ein Schluck für mich, zwei für d Mel (sust hettsis nid gmacht ;) )


 

Adeee....

Ja und jetzt hani alli mini Sache zämäpackt in Tana. Morn gaz loos richtig Ostküste is noii Projekt. Bin gspanne und eimal meh nervös. Froimi uf das was chunt und hoffe inständig, dassi wiiterhin sovill Glück han wie bis anhin... Internet hani dete nid würklich, also mäldimi mal ab füren Monet... 
Hend oi sorg... i dänkä a oi...