Sonntag, 8. Juni 2014

"Vazaaaaahhhh"


Huuuiiii, wie die Zeit rennt! Schon wieder ein Monat vorbei? Ich habe nochmals ein neues Madagaskar kennengelernt. Ein Madagaskar, das mich immer mehr fasziniert! Für den Fall, dass dus selber noch nicht erlebt hast: Reisen ist ja wohl das coolste der Welt! Bin so vielen spannenden Menschen begegnet, habe so viele unglaubliche Landschaften gesehen, hab unendlich viel Reis geschlemmt, die Sonne über wunderbaren Panoramen untergehen sehen, in einem Monat mehr geschlafen als in drei zu Hause und das schönste an allem: ich hatte zwei wunderbare Gspöndli an meiner Seite um all das gemeinsam zu bewundern, zu bestaunen, zu diskutieren und über das Leben oder sonstige Dinge zu philosophieren. Liebe Kathrin, liebe Lea, ihr habt mein Leben in diesem Madagaskarjahr nochmals bereichert! Ich danke euch von ganzem ganzem Herzen...

Hiermit schliesse ich meinen Blog mit meinen Gedanken über meine Beobachtungen und Erfahrungen. Halte dich aber auf eine neue Art und Weise auf dem Laufenden.

Von nun an steht mein Blog unter dem Namen:

***KATHRIN (LEA) & CHRIGI AUF REISEN***
Herzlich Willkommen auf unserem Blog, liebe Freunde von Kathrin.

Wir werden dir jeweils einen kurzen Überblick geben, was wir gerade gemacht haben und wo wir uns im Land befinden, dann aber einige Anekdoten aus unserem Alltag schildern.

ABSTRACT:
Die Crew:       Lea, Kathrin, Chrigi
Das Ziel:        Toilara (Südwesten von Madagaskar)
Fortbeweg.:   Velo, Taxibrousse, Poussepousse, Pirogue & Füsse
Zeitdauer:      1 Monat

Veloeinkauf
Eines der Highlights auf unserer Velotour war der Einkauf der Fahrräder. Ein fertiges Fahrrad hätte dreimal so viel gekostet, also haben wir - mit Hilfe von einer Madagassin, die Chrigi schon von einer früheren Reise kannte - Einzelteile gekauft und diese anschliessend zusammenbasteln lassen. Am Ende des Tages standen drei schnittige Velos bereit, die von allen Madagassen stark bewundert wurden. Rote Speichen, weisse Rahmen, ein zu kleiner Lenker und eine zu grosse Kette... Aber davon merkten wir noch nichts, als wir unsere Reise begannen. Also fuhren wir am ersten Tag los – hoch motiviert und erst nach zwei, drei Stunden tauchten die ersten Beschwerden auf. (Aber unter uns gesagt, mein (Chrigis) A.... tat mir schon nach den ersten fünf Minuten weh, da ich mir die Madagassen aber ein bisschen zum Vorbild nehme, was ihr Gejammere anbelangt, versuchte ich auf die Zähne zu beissen – teilweise erfolgreich) Nach sechzig Kilometern funktionierte noch ca die Hälfte der Gänge und im Kettenreinmachen wurden wir auch immer schneller. Nach neunzig waren wir alle ziemlich am Ende und froh, das Tagesziel vor Einbruch der Dunkelheit erreicht zu haben. Nun so kam es, dass wir – wenn die Strecke zu weit war - auch mal ein Stück weit von nem Taxibrousse profitierten. Die Fahrräder auf dem Dach, wir im Bus eingequetscht zwischen Menschen, Hühnern und was halt sonst noch so mitfährt.
Waren wir aber mit dem Velo unterwegs, fühlten wir uns wie die Queen. Aus allen Ecken riefen uns Kinder: „Vazaaaaaah“ hinterher. Es war ein bisschen wie: Sucht Walter. Da war ein riesiger Hang, von irgendwoher hörst du die Stimme, hältst mal die Hand nach oben um zu winken und suchst eine ganze Weile, bis du die gut getarnten Kinder irgendwo super weit entfernt auf nem Stein sitzen siehst. Wir haben uns so manchmal gefragt, ob die dort den ganzen Tag auf Vazahas warten. Das Velofahren haben wir – abgesehen von den Beschwerden – voll genossen, so langsam durch die wunderschöne, schon wieder ziemlich braune Gegend zu fahren & viel mit den Menschen zu plaudern.

De Maa macht grad s Gschäft vom Läbä mit ois!


Madagassischer Coiffeur
In Ambositra hatten wir viel Zeit und nachdem wir einiges angeschaut haben, haben Chrigi und Lea gefunden, sie nutzen die Chance und gehen zum Coiffeur, kann ja nie schaden, dachten wir. Natürlich gibt es auch hier richtige Coiffeursalons, aber das wollten wir nicht und schnell sind wir an einem Strassencoiffeur vorbeigekommen, ein kleiner, offener Raum am Strassenrand. Lea wollte sich die Spitzen schneiden lassen. Die Coiffeuse hat ihr die Haare gewaschen und dann alle nach hinten gekämmt, die Schere angesetzt und vier Scherenzüge gemacht, das wars. Sie hätte ihr auch gerne noch einen Stufenschnitt verpasst, das wollte Lea dann aber nicht, ich frage mich warum. ;) Chrigi hat eine Färbung bekommen, ihre Hosen ebenfalls, die Haare sind jetzt schön schwarz, bis es soweit war, hat es aber einige Schritte gebraucht: Erst alles gründlich einfärben, dann einwirken lassen und immer mal wieder nachkämmen, dann auswaschen, erst einmal mit Seife. Um die Kopfhaut wieder sauber zu kriegen hat die Assistentin draussen etwas Sand geholt, dieser, kombiniert mit etwas Seife ergab eine perfekte Peelingmasse. Danach hat die Coiffeuse mit ihren Fingernägeln noch etwas nachgekratzt und am Schluss hat sie noch einen Schwamm, hergestellt aus einem Büschel Haare von dem wir hoffen, dass es Chrigis Haare waren, sicher sind wir uns da aber nicht, den Haaransatz noch einmal nachgerubbelt. Dann noch einmal ausspülen, trocknen et voilà, fertig war's. Für beide zusammen haben wir knapp 10'000 Ariari bezahlt, was etwas weniger als 5 Franken sind, ein super Erlebnis und so interessant zu sehen, mit welchen Mitteln man arbeiten kann.

Suber sinds ämäl!

4 Schnitt und fertig isch - dasch mal speditivs Schaffe!

Es Haarbüscheli zum putze!
Kinder
Während der Fahrt im Taxibrousse hatten wir viel Zeit zum Nichtstun und Schauen und dabei war vor allem die Rolle und der Umgang mit den Kindern interessant. In der Regel wird für die Kinder kein Fahrschein gelöst, das heisst aber dann auch, dass sie kein Anrecht auf ein Sitzplatz haben. Wenn der Bus nicht gefüllt ist, können sie auf einem Sitz Platz nehmen, wenn noch wer kommt, müssen sie aufstehen und sitzen bei jemandem auf den Schoss. In der Regel sind das die Eltern, muss aber überhaupt nicht sein, immer mal wieder zieht auch einfach eine Banknachbarin das Kind auf die Knie. Wir haben nie ein Kind gesehen, das deswegen geweint oder sich sonst etwas anmerken lassen hätte. Noch komischer für uns war, als es einmal eine Pinkelpause gegeben hat in einem Bus mit etwa 20 Sitzreihen. Ein Kind ganz weit vorne musste mal und anstatt dass die Mutter sich mit dem Kind durch alle Reihen durchgequescht hätte um hinten aussteigen zu können, hat sie es einfach aus dem Fenster gereicht und irgendwer ist dann mit dem Mädchen an den Strassenrand gegangen und hat es nachher wieder reingereicht.
Es scheint hier viel weniger Berührungsängste zu geben, zumindest unter Madagassen. Lea hat zwar auch mal ein Kind in die Hände gedrückt bekommen damit eine die Hände frei hatte um auszusteigen, zweimal aber hatten Kinder auch dermassen Angst vor uns, dass sie laut weinten und sich bei den Eltern verstecken mussten, dabei finden wir eigentlich nicht, dass wir so fürchterlich aussehen. Die allermeisten Kinder aber haben auch vor uns keine Angst, starren uns offen an und kommen meist mit sehr konkreten Forderungen: Donne-moi des bonbons! Donne-moi de l’argent! Donne-moi un cadeux! Dann gibt es auch die Kreativeren, die finden, gib mir deinen Rucksack, den Helm, dein Fahrrad,... Das ist extrem befremdend und wenn wir müde sind auch sehr anstrengend und vor allem stellt es uns immer wieder vor die selbe Diskussion. Es müssen wohl einige Weisse vorbei gekommen sein, die ihnen Bonbons gegeben haben, also ist das doch normal für sie. Wir wollen aber keine Zältliautomaten sein und finden es bisweilen auch frech, wenn sie uns so mit Forderungen belagern, stören uns also an etwas, das wir (im Sinne von wir Europäern) selber geschaffen haben. Wenn wir nun jemanden nach dem Weg fragen und er bring uns dorthin und fragt dann nicht nach einem Geschenk oder Geld, sollen wir dann was geben, weil wir ja froh waren um den Dienst oder sind wir dann Schuld, dass er das nächste Mal den Weg nur noch zeigen wird, wenn er was bekommt? Diese Frage beschäftigt uns immer wieder und wir kommen nicht weiter. Zum Glück sind die Kinder so herzig, da vergessen wir dann den Zältliärger wieder, schoggibrun halt. 

 
Halt eifach Schoggibruun! Und die Auge!***

"Vazaha, donne moi de bonbon!"

Zebumarkt in Ambalavao– Der Besuch einer madagassischen Viehschau
Vorerst ein bisschen Hintergrundwissen: Ein Zebu - auf Madagassisch „Omby“ (ausgesprochen: Umbi) – ist hier wie eine Bank. Wer Zebus besitzt ist reich. Gebraucht werden sie von allen Madagassen für traditionelle Zeremonien wie Beerdigungen, Hochzeiten etc. Früher gab es eine Tradition, die junge Madagassen ein Zebu stehlen liess und erst wenn sie das geschafft hatten, waren sie richtige Männer und im Stande zu heiraten. Heute ist diese Tradition leider erweitert worden. Im Süden Madagaskars gibt es mittlerweilen so viele Zebudiebe, dass das Leben dort echt gefährlich ist. (Zum Beispiel haben wir in Toilara einen Spital besucht und sind dabei einem Madagassen begegnet, der von 30 Zebudieben überfallen und angeschossen wurde – scheint hier das normalste der Welt zu sein! Er fand jedenfalls die Tatsache, dass drei Vazahas in sein Zimmer schauten doppelt so interessant wie seine Verletzung und urkomisch.)
Nun aber zum Markt: Dieser findet jeden Mittwoch und Donnerstagmorgen statt. Es gibt Bauern, die legen mit ihren Herden eine dreitägige Wanderung zurück um in dieser Stadt ihre Tiere zu verkaufen, die sie über Jahre gehütet und gepflegt hatten. Die Käufer sind meistens reiche Händler, welche die Zebus in Lastwagen quetschen – der Tierschutz wäre alles andere als begeistert – um diese nach Tana zu transportieren und dort weiter zu verkaufen.
Der Platz wimmelt von Männern mit Hüten und Stecken in den Händen, sie tragen die Sonntagskleidung: zerschlissene Westen und Faltenhosen- manchmal auch Trainerhosen. Die meisten haben eine Wolldecke umgebunden, denn in der Nacht kann’s ganz schön kalt werden. Die Frauen verkauften am Rande Gebäcke, Tee und Kaffee. Die meisten strahlen und laufen mit einem Bündel Geld in der Hand umher. Ein wunderbares Schauspiel. Wir stürzten uns natürlich voll rein und erkundigten uns nach dem Preis eines Zebus. Umgerechnet ca. 50 Schweizerfranken. Überall wo wir ein Gespräch begannen, bildete sich sofort eine Traube Menschen um uns, die hören wollten, was diese Vazahas denn da wollen. Als wir dann erzählten, dass unser Papa auch Kühe hätte zu Hause(oke – Notlüge), meinten sie, wir sollen doch nächstes Mal eine Kuh mitbringen, dann könnten wir tauschen. – Ja, gute Idee, wir werdens uns überlegen. ;)

Neni (Grossvatter), weles söllemer heibringe als Souvenir?

Nuno es Schüpfli!


Heiratsanträge
Haha, was haben wir gelacht. Überall wo wir ankamen, waren die Männer entzückt von den drei Vazahafrauen – das sollte einem in der Schweiz ja auch mal passieren! :P
Immer wenn wir an einer Taxibroussestation unsere Velos verladen, sind wir natürlich eine Attraktion. Vor allem, weil wir uns auch auf madagassisch verständigen können. Nach: „Mahay miteny gassy!?“ (Du sprichst ja madagassisch!?) ist die Zweite Aussage: „Eva manambady?“ (Schon verheiratet?) und wenn du da sagst, noch nicht, dann werfen sie dir die Heiratsangebote nur so zu. Der wäre noch zu haben und jener und ich hätten noch einen Bruder etc.  Einmal als wir in einem Taxi-B (ÖV) fuhren und mit einer Frau ins Gespräch kamen, meinte sie, sie hätte einen wunderschönen Sohn, ob wir den nicht haben wollten – sofort packte sie das Handy aus, um uns Bilder von ihm zu zeigen – und einmal mehr: sie sehen wirklich gut aus, diese madagassischen Männern mit ihren durchtrainierten braunen Oberkörpern! ;) Aber heiraten wollen wir sie trotzdem nicht und um all den Angeboten ein bisschen zu gehen flunkern wir ein bisschen und sagen halt, jaja wir sind verheiratet.
Oder ein ander Mal in einem Hotel gab es einen charmanten Rezeptionisten, der zuerst Kathrin fragte, ob sie verheiratet wäre. Sie bestätigte das und er fragte sogleich, wie es denn um die anderen Beiden stehen würde. Als sie erklärte, dass alle bereits verheiratet wären, liess er sie gehen. Kurz darauf fing er aber Lea ab und fragte erneut, ob sie denn schon einen Mann hätte – haha, was denken die denn, dass wir untereinander nicht miteinander reden?

Au d Frau mitem Huet hetti sust no en Brüeder, wo sicher au grad na Ziit hetti zum eini oder au zwei vo ois hürate...


Feilschen
Um Preise kämpfen müssen wir jeden Tag. Aber unterdessen machen wir uns einen Sport daraus. Meistens entstehen so lustige Gespräche und Bekanntschaften. Die Madagassen freuen sich mehr darüber, wenn du mit ihnen reden kannst, als wenn sie dir etwas zu einem zu hohen Preis verkaufen. Das Lustigste fand an einer Taxibroussestation statt. Wir kannten den Fahrpreis bereits für die folgende Strecke. Der Typ im Häuschen wollte uns aber abzocken. Ich diskutierte lange mit ihm und er beharrte auf seinem Preis. Es gäbe eben Preise für Madagassen und welche für die Vazahas. Als ich dann sagte, aber ich wäre ja schon mit einem Madagassen verheiratet und somit auch Madagassin, meinte er: Ok. Du kannst billiger fahren, die anderen beiden müssen aber mehr bezahlen. Nun, wir einigten uns darauf, dass der Chauffeur entscheiden solle und dieser willigte sofort ein, als ich ihm meinen Preisvorschlag machte. Das schöne war, der andere Typ, gab mir einen freundlichen Handklatsch und wünschte uns eine gute Reise.

*otschini* ;)
 
*Lafu be* (=dasch aber tüür!) De hätsi also d Kathrin!

Wie weiter:
Erst mal heisst es schon: Tschüss liebe Lea! Es war super mit dir! Pass gut auf dich auf! Geniess deine weitere Reise und komm gesund wieder nach Hause!

Zu zweit ziehen wir morgen weiter. Ein kleiner Abstecher in das Dorf am Ende der Welt ohne Nichts, dann gehen wir über Tana in den Norden. Wohin genau steht noch in den Sternen. 

Mittwoch, 7. Mai 2014

Diako be (ich liebe es)


Seit Stunden versuche ich diesen Blogeintrag zu schreiben. In Worte zu fassen, was ich im vergangenen Monat erlebt habe. Aber es fällt mir schwer. Einen Monat 14 km von der Zivilisation entfernt ohne Strom, ohne Fliessendwasser. Nichts. Rundum Dschungel, mitten in einer riesigen Familie. Eine Familie, die sich von ihrem selber angepflanzten Reis ernährt. Eine Familie, die in unseren Augen als äusserst arm bezeichnet würde, aber auf eine Art und Weise unvorstellbar reich ist. Eine Gemeinschaft, wo jeder das leistet was er schon oder noch kann. Menschen, die sich gegenseitig helfen, unterstützen und eine überwältigende Toleranz aufweisen.
Das Leben dort ist so einfach, so naturverbunden, so kreativ, so hart, so lehrreich, so faszinierend und so wunderschön. Es war eine überwältigende Erfahrung, ihren Alltag mitzuerleben, die madagassischen Handwerke zu erwerben, die Menschen kennenzulernen und ihre Handhabungen zu verstehen. Es hat mich so berührt, dass ich gar nicht weiss, wie ich dir das erzählen kann, dass du verstehst, was es mit mir gemacht hat. Langsam beginne ich Madagaskar mit meinen eigenen Augen zu sehen und vieles wird mir klar oder bewusst dabei. Ich habe Verständnis für Dinge, die ich in der Schweiz niemals akzeptieren würde. Ich bin voller Bewunderung für die dort Sesshaften und unendlich dankbar dafür, dass ich, auch wenn nur für eine kurze Zeit, einen Teil davon sein durfte. Ich hatte so viel Zeit, diese so unterschiedlichen Welten miteinander zu vergleichen. Hatte so viel über meine Denkweise, meine Handhabungen sowie meine Macken nachgedacht. Mir wurde bewusst, wie oft ich mich in meinem Alltag über kleine Dinge, andere Menschen ärgere, wie oft ich mich selber in Stress versetze obwohl es überhaupt nicht nötig wäre. Diese Menschen in Maromitsinjo, wie der Ort dort heisst, sind Geduld, Toleranz und Fleiss in Person. Wenn ich nur einen kleinen Teil von ihrer Lebensphilosophie in meinen Schweizeralltag einbringen kann, bin ich überglücklich. Aber ich weiss schon jetzt, dass es mir schwer fallen wird und ich immer wieder in meine alten Muster zurückfallen werde. (wag es ja nicht, mir das dann unter die Nase zu streichen!)
Vor mim Di Hei am Riis choche

Mini Chuchi
ja, de hani nonig so

In diesem Holzhaus habe ich gewohnt. Der Wind zog zwischen den Brettern hindurch und so manche Nacht hab ich furchtbar gefroren. Wasser hab ich am Brunnen in einem Eimer geholt und diesen auf meinem Kopf – natürlich nicht annähernd so graziös wie die einheimischen Frauen das handhaben – zurück zu meinem Haus getragen. Abends, nach einer eiskalten „Chübelituschi“ hab ich im Kerzenlicht Briefe geschrieben, gelesen gestrickt und gekocht. Dies mit einem Ding, das sich Fatapera nennt. Eine Art Grill, wobei die Pfanne direkt auf die Holzkohle gestellt wird. Spätestens um neun fiel ich völlig erschöpft aber durch und durch zufrieden ins Bett. Dies, weil ich es mir nicht entgehe lassen wollte alles mitzumachen, was auch die Madagassen machen. Morgens half ich meinen Nachbarn im Reis zu arbeiten. Zurzeit ist die Reisernte angesagt. Hast du gewusst, dass es zwei verschiedene Arten von Reisanbau gibt, wobei bei der einen jedes „Äri“ einzeln mit einer Art Japanmesserklinge abgezwackt wird? Da mir keiner wirklich erklären konnte, wie man das richtig macht, hab ich halt rechts und links abgeschaut. Die erste Woche schaffte ich immer nur ein „Äri“ aufs Mal. Alsbald ich das zweite auf die gleiche Hand nehmen wollte, fiel mir das erste wieder runter. Gegen Ende des Monates bin ich aber bei stolzen zehn angelangt. Da sich alle Familien gegenseitig helfen, ist es natürlich ein Anlass um Klatsch und Tratsch auszutauschen und für mich eine optimale Gelegenheit um madagassisch zu lernen. Nun, da sie weder Französisch noch Englisch sprachen, war ich wohl darauf angewiesen. Inzwischen kann ich kommunizieren und fragen was ich möchte, bei ihrer Antwort muss ich aber immer noch beachtlich raten.
 
Minou am mitsangotra vary


wer brucht das Jahr na en kreative Hochziitsstruss?



 Am Mittag gibt’s Picknick auf dem Feld. Natürlich Reis – viel Reis -  mit etwas Bohnen oder gekochten Blättern. Nach getaner Arbeit wird der Reis in Körben und Säcken auf Kopf oder Schulter nach Hause getragen. „Wenn die das können, werd ich das wohl auch noch hinbekommen“, hab ich mir gedacht, mich dabei aber mächtig getäuscht. Zweimal ist mir der Sack, der nur halb so fest gefüllt war, wie jener der anderen, runtergefallen und als ich endlich ankam wusste ich nicht mehr wie ich mich bewegen sollte. Der Kopf tat am nächsten Tag noch weh.

Die andere Reissorte wird im Wasser angepflanzt. Bei dieser Variante schneiden die Männer mit einer Sichel Bündel ab und legen sie auf den Boden. Die Frauen sammeln diese Bündel ein, legen sie auf eine aus Blättern geflochtene Leine, binden sie zusammen und tragen sie auf dem Kopf zum „Depot“. Am nächsten Tag steht dann das „mively vary“ an. Mit einem Holzstab werden die Reiskörner aus den Ären geschlagen. Meine Güte das gibt Blasen an den Händen und Muskelkater für sieben! Zu Hause wird der Reis an der Sonne getrocknet und bevor er gekocht werden kann, widmet man sich dem „toto vary“. Dieses Wort besteht, so weit ich weiss, nicht im deutschen Wortschatz – würd es mal als „entschelfere“ betiteln. Dies funktioniert mit einem überdimensionalen Mörser, der die Blasen wieder schön aufreisst und den Muskelkater nochmals verdoppelt. Während ich darauf konzentriert war, den Reis nicht aus der Schale zu schieben und die extrem aerodynamische Begegnung abzuschauen schlug ich mir das dumme Ding doch des Öfteren an den Kopf. 



mively vary

mitoto vary
 
Mini Apitek hani innerhalb vonere Wuche plünderet. Ob für mich oder die wo da läbäd. Apitek oder Arzt isch vierze Kilometer wiiter eweg - isch denn wiit ohni Auto! (Bepanthene und Bepatine sind mini beste Fründe worde)


i blib debii: Schoggibruun halt ;)
Nun ist mein Körper ein riesen Frack. Bin übersät mit entzündeten Wunden vom Barfuss gehen und Aufkratzen der Mückenstiche, dass ich, was das anbelangt, gar nicht so undankbar bin, wieder in der Zivilisation zu leben. Die Körper der Madagassen sind durchtrainiert und sich diese Strapazen gewohnt. Sie waren mir gegenüber jedoch immer äusserst nachsichtig: „Ja, du lernst ja noch…“, hiess es so oft, wenn mir etwas noch nicht gelang. Sie waren aber auch sonst so zuvorkommend. Luden mich immer in ihr Haus, vielleicht gerade zum Essen ein oder kamen auch öfters bei mir vorbei um zu plaudern, zu stricken, den Kater nach dem Ball, wie sie die Landparty hier nennen, auszuschlafen, sich gegenseitig, die Läuse vom Kopf zu entfernen, UNO zu spielen oder einfach ein bisschen zu sein. Besonders die Kinder kamen täglich vorbei. In diesem Dorf leben soooo viele Kinder, das können wir uns gar nicht vorstellen! Auf die vier Schwestern, die alle eine andere Mutter haben und eine weitere Frau, deren Mann der Bruder des Vaters der vier Schwestern ist (ja, es hat mich auch nen Monat und eine ausführliche Zeichnung gekostet, bis ich das verstanden habe) sind ca 27 Kinder verteilt. 




Am Ball am tanze (oder posiere)
Ich glaube, das ist mitunter ein Grund, warum mich die Zeit dort so berührt hat. Ich möchte nichts generalisieren oder jemandem etwas unterstellen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass einige dieser Kinder das Endprodukt eines Balles waren. Ein Anlass, wo alle ordentlich betrunken sind und die Geburtenrate neun Monate später ansteigen lässt. Aber das spielt dort keine Rolle. Die Kinder sind hier und akzeptiert. Aber es würde sich nie jemand bemitleiden oder beklagen für eine Aufgabe, die ihm zugeteilt ist. Ob als Mutter, die täglich harte Arbeit leisten muss um die Kinder zu ernähren, ob als neun Jähriges Kind, das so viel Verantwortung trägt für seine Geschwister, wie sie das bei uns mit achtzehn Jahren noch nicht tragen müssen, oder als Baby, das die Mutternähe nur Morgens und Abends kurz zu spüren bekommt. Wir würden da in der Schweiz eine Gefährdungsmeldung machen, weil die Kinder verwahrlosen und uns mächtig den Mund darüber zerreissen, was das für eine schlechte Mutter ist, die die Kinder alleine zu Hause lässt und sich ihnen nicht mal richtig widmet, wenn sie dann mal da ist. Hier besteht unter Erwachsenen ein viel grösseres Verständnis dafür. Helfen tun sie, indem sie ein Kind der Schwester in ihrer eigenen Familie aufnehmen. Auf meine Frage, warum dass denn der Sohn der Mutter bei der anderen Mutter lebe, lautete die Antwort: „Tsy maninona“ (Es macht nichts). So eine grosse Toleranz! So eine grosse Akzeptanz! Ich habe nie jemanden gehört schlecht über den anderen zu reden! Mai, da könnten wir ganz viel von diesen Menschen lernen. Wie schimpfen wir doch gerne über andere, wie lassen wir uns gerne über Fehler unserer Mitmenschen aus, anstelle sie in ihrem Dilemma zu unterstützen. Ich kann nicht behaupten, die Situation dort wäre besser. Keinem Kind wünsche ich, so aufwachsen zu müssen. Aber genau das meine ich, wenn ich sage, diese Menschen sind auf ihre Art und Weise unendlich reich. Sie machen, was sie können. Sie sind zufrieden mit dem was sie haben. Sie arbeiten fleissig und gerne auf ihren Reisfeldern. Jahr ein Jahr aus. Sie beklagen sich nie über Langeweile. Sie freuen sich Wochen im Voraus auf Events wie ein Ball, das Kino im Nachbarsdorf, welches den Film „Jesus“ in einer Kirche (Anita, da hätte deine Tante ganz sicher nicht platz gehabt) zeigt und das Bild halb so gross ist, wie so mancher Plasmabildschirm der bei euch zu Hause steht, das gemeinsame Kartenspielen, das Taoka gasy (Rum) trinken, was sich die Männer eigentlich nie entgehen lassen, die Reisernte bis hin zu einem Fussballspiel, das bis 3h Weg zu Fuss in Anspruch nimmt. (3h Hinweg, 1h Fussballspiel und wieder 3h zurück – ja da schlafen alle gut in der Nacht). Ja, diese Menschen in Maromitsinjo sind uns Mailen voraus, was Zufriedenheit und Ausgeglichenheit anbelangt. 

Weil in der Schule während vier meiner fünf Wochen vor Ort Ferien waren und sie mich im Vorfeld nicht darüber informierten, unterrichtete ich am Nachmittag auf ihren Wunsch Englisch. Zuerst für die Kinder, die freiwillig zur Schule kommen wollten und anschliessend für Erwachsene. Einige hatten über ne Stunde Weg. So lernwillige Schüler hab ich noch selten erlebt. Ein bisschen ist es schon schade, dass so lange Ferien waren. Die drei Lehrerinnen hätten eine Weiter – nein, eher eine Ausbildung sehr gut gebrauchen können. Es tut mir extrem Leid für die Kinder. Was ich gesehen habe, kommen die 250 Kinder morgens zur Schule, spielen den ganzen Tag und kehren am Nachmittag immer noch als Analphabeten nach Hause. Es stimmt mich traurig, denn wo sonst, wenn nicht in der Schule, sollen sie Lesen und Schreiben lernen? Ihre Eltern können es selber nicht. Aber das scheint dort normal und völlig akzeptiert zu sein. 


Ja und nun ist dieser Monat schon wieder vorbei. Es war eine Erfahrung, die ich niemals vergessen werde. Habe so viel gelernt. So viel verstanden. So viel bewundert. So viele Menschen kennengelernt. Menschen, die so arm aussehen aber so ein reiches Herz haben. - Davon wünsch ich uns allen ein bisschen. 



Morgen kommen Kathrin und Lea – ich freu mich wie ein Honigkuchenpferd (was füre cuuls Wort!) Das Reisen lag irgendwie immer so weit weg und nun steht es quasi vor der Türe. Mit dem Velo geht es erstmal Richtung Süden, dann schauen wir weiter. Freu mich so noch mehr über dieses vielfältige Land zu lernen, Dinge zu verstehen und Menschen kennenzulernen (Das hätte ich vor zwei Monaten ja auch nie behauptet!). Wie es mit meinem Blog weitergeht weiss ich noch nicht – aber irgendwie halte ich dich schon auf dem Laufenden… 
Drück euch ganz lieb! 

Grüsse von einer Chrigi mit einem Herzen wie ein Schmetterling. So glücklich, so zufrieden, so überwältigt, so…. voller Leben!

Montag, 31. März 2014

Mafinaridra (Wunderbar)


In den vergangenen vier Wochen habe ich so viel Wunderbares erlebt. Es schien mir, als hätte ich das Land, ja gar den Kontinenten gewechselt. Es ging von schönen, herzlichen und lustigen Begegnungen über bezaubernde Landschaft bis hinzu einem traurigen Erlebnis, welches in einer Beerdigung endete. Aber der Reihe nach.


 
Mit Claudinne "chnöpfli" kochen - mmmmh... nu de Chääs fählt! Huu, de fählt würklich!

Vom ersten Moment an, als ich in Nosy Varika, das kleine Städtchen am Rande der Ostküste, ankam, fühlte ich mich bereits zu Hause. Schon auf dem Weg dort hin habe ich so viele liebenswürdige Menschen kennengelernt, die einfach so mit mir plaudern wollten und schlussendlich nicht nach einem Geschenk fragten. (habe gemerkt, wie arg mich Tana geprägt hat – bei jeder Person, welche auf mich zukam überlegte ich mir bereits, wie ich sie am besten wieder abwimmeln konnte, ehe es um Geld gehen würde…)
Ich bezog in Nosy Varika also ein kleines Zimmer bei Mdm. Caroline, der Mutter von meiner madagassischen Freundin Linda. Sie führt dort ein Hotel und ich musste mich entsprechend nie um Essen oder ähnliches kümmern. Die Hausangestellten waren super. Mit Claudinne ging ich drei mal die Woche joggen und abends spielten wir mit vielen anderen zusammen UNO. Ich fühlte mich so richtig wohl und willkommen dort.

Tanzuffüerige am Morge

Am darauffolgenden Tag war der 8. März – Tag der Frau. Das wird in Madagaskar gebührend gefeiert. Am Morgen mit Gebeten, Nationalhymne, Reden und Tänzen – wie sie das halt so handhaben an den madagassischen Festen. Am Nachmittag fand dann ein Fussballmatch für die Mütter statt. Ein riesen Spektakel und das halbe Dorf war zusammengekommen um sich das anzuschauen. Du kennst mich, habe natürlich mitgespielt und so kam es, dass ich nach nicht mal 48 Stunden ganz viele Bekanntschaften schloss und schon mehr freundliche Worte austauschte als während meiner sieben Monate in Tana. Am Abend fand dann noch ein Ball statt bei uns im Hotel. Haha, das madagassische Tanzen ist echt soo lustig und die Musik erst… Gegen Mitternacht waren die Männer „mamo be“ (betrunken) und als sie dann Céline Dion auflegten und alle mit mir tanzen wollten, machte ich mich wieder aus dem Staub…

Tanze: Chopf wines Huen, Arm wi Robotter und d Füess wie zgschnells Ärobic!


Am Sonntag genoss ich einen Spaziergang durchs Dorf: Die meisten Häuser sind aus Holz gebaut, geteerte Strassen gibt es nicht, Kirchen dafür umso mehr und auf dem Markt bekommst du wie überall die besten Früchte und dort auch täglich frischen Fisch. Irgendwann landete ich am Strand. Musste aber vorher das öffentliche WC durchqueren. Die Menschen haben keine Toiletten in ihren Einzimmerhäuschen. Daher verrichten sie ihr Geschäft zwischen Dorf und Meer in den Gebüschen. Der Strand ist unendlich lange und kaum ein Mensch ist anzutreffen. Irgendwo setze ich mich unter ne Palme und beginne zu stricken… Was für ein Ausblick sag ich euch! Kam ich doch mal an Menschen vorbei, hörte ich sie hinter meinem rücken tuscheln: „Vazaha mahay bolla be“ (Fremde weiss Fussball sehr) – nun ja, das Niveau war auch nicht besonders hoch ;)

 
Was wotsch na meh?

Am Montag ging ich dann in die Schule. Es ist ein Projekt, welches von Europa her finanzielle Unterstützung erhielt. War aber Hilfe zur Selbsthilfe. Nun nähert es sich nämlich dem Ende und es macht den Anschein, als könne die Schule weiter selbständig existieren. Es funktioniert folgendermassen: Mütter, meistens sind sie alleinstehend, dürfen ihre Kinder gratis in die Schule schicken. Im Gegenzug müssen sie sich aber am Gemüseanbau für die Schule beteiligen oder das Kochen übernehmen. Die kleineren Kinder dürfen in der Schule Mittagessen, damit ihre Mütter länger arbeiten können im Projekt, welches mit der Schule gekoppelt ist. Die Mütter bekommen dort die Gelegenheit ein Handwerk zu erwerben. Sie nähen Hüte, kultivieren Reis und Gemüse, züchten Honig etc. Einen Teil vom verdienten Geld fliesst in die Schule, den anderen Teil dürfen sie für sich behalten. Auch erhielten sie dort schon die Gelegenheit einen Schulkurs zu besuchen um den sehr stark verbreiteten Analphabetismus zu bekämpfen.
Also, in dieser Schule wollte ich mithelfen. Schon am ersten Tag wurde ich gefragt, wann denn die Information stattfinden würde. - Welche Information denn? - Ja, jene für die Lehrer. Sie hätten keine Ausbildung und die Schule könne sich keine Weiterbildungen leisten. – Aha, ok. Ja, nächsten Mittwoch? Und so kam es, dass ich jeweils am Mittwochnachmittag eine Minilehrerausbildung auf die Beine stellte. Habe in meinem Leben noch nie so wissbegierige Augen von Erwachsenen vor mir sitzen gehabt. Es war wunderbar mit ihnen zusammen zu arbeiten. Fühlte mich vom ersten Moment an akzeptiert, integriert und gebraucht. Schönes Gefühl!
 
Mini Schuel

Aaah, Chinzgi gee - isch eifach scho öpis schöns!!!

D Fraue wo fürs Projekt schaffed

Schuelerreis an Strand

Ja, so verging die Zeit wie im Flug. Kam aus dem geniessen und dem fröhlich sein gar nicht raus. Bis Donnerstag war. Unsere Mdm. Cusinié beklagte sich schon länger über Bauchschmerzen. Sie hätte Fibronen, wollte sich aber auf keinen Fall operieren lassen – aus welchem Grund auch immer. Am Donnerstag wurde sie ins Spital gebracht, alle Lehrer begleiteten sie. Meine Güte. Diese Frauen hier sind stark! (Das sage ich nicht aus Emanzipation heraus! Sondern aus purer Bewunderung) Diese Frau muss höllische Schmerzen gelitten haben! Im Spital selber gibt es keine Medikamente. Der Arzt schrieb welche auf, die dann von den Angehörigen in der Apotheke, welche einige hundert Meter vom Spital entfernt ist, gekauft werden müssen. Nach zwei Stunden starb die Frau. Die Bestürzung über den doch sehr plötzlichen Tod war gross. Sie wurde in einem Reis sack in ihr Haus getragen, wo sie von ihren Liebsten gewaschen wurde, während wir anderen draussen warteten. Die folgenden 24 Stunden waren für mich überwältigend. Es war so anders. So viele kleine Rituale, so seltsames Verhalten um ihre Trauer auszudrücken. Vieles würde ich gar nicht glauben, wenn ich es selber nicht gesehen hätte. Ich werde es dir hier schildern:
Als die Türe aufging stürzten alle Frauen hinein und begannen auf Knopfdruck zu weinen. Der Klang erinnerte an eine Art Sirene. Eine Mischung aus Weinen und Reden – sie geben der Toten ihre Gedanken mit an ihre bereits verstorbenen Familienmitgliedern . Im ersten Moment war ich völlig irritiert. Es sah so aus, wie wenn wir übertheatralisch heulen und uns quasi darüber lustig machen… Hier ist das aber völlig echt. Einige Frauen verfielen dabei einer Art Schockzustand. Das nennt sich dromba (Dschumba ausgesprochen). Es sah aus, als hätten sie einen epileptischen Anfall. Sie zuckten am ganzen Körper und waren wie weggetreten. Die Frauen, welche sie aus dem Haus zogen, versuchten sie wachzurütteln und ihnen Wasser einzuflössen. Irgendwann kamen sie wieder zu sich, nahmen den Teller, aus welchem sie zuerst viel Wasser trinken und schlagen sich diesen dann ganz oft und ziemlich hart über den Kopf, während die herumstehenden Frauen Wasser darüber schütten. Anschliessend werden ihr die Beine gestreckt, Wasser darüber geschüttet und mit der Hand darauf geklopft. Das gleiche bei Armen und Kopf. War diese Prozedur vorbei, begann die Frau wieder zu weinen und ging erneut ins Haus hinein. Ich stand selber etwas unter Schock, als ich das sah. So fremd, so unwirklich. Wie ist das möglich, dass man sich emotional so in etwas reingeben kann, dass der Körper schlussendlich so stark reagiert? Ihre Erklärung ist, dass die Körper der Frauen von Geistern übernommen wird und sie diese nur so wieder rausbringen können. Nun, ich war froh, nach zwei Stunden nach Hause zu gehen und die ganzen Eindrücke zu verdauen. Es ging mir ziemlich unter die Haut. Nach dem Mittag holten wir Mdm Cusinié (so wurde sie immer genannt – ich kenne ihren Nahmen nicht anders) ab. Sie wurde vom ganzen Dorf singend begleitet zum Fluss getragen, wo sie in ein Schiff geladen wurde um sie in ihr Heimatdorf zu fahren. Alle Lehrer Mdm. Caroline und ich begleiteten sie. Bei Heck und Bug wurde Rum darüber geschüttet und die madagassische Flagge wurde aufgehängt. Das Schiff drehte noch fünf Mal im Kreis, ehe wir Flussaufwärts davon fuhren. Am neuen Ort angekommen, wurden wir bereits erwartet. Die Männer legten Mdm. Cusinié auf eine Bare und trugen sie die fünf Kilometer bis zum Dorf zurück. Es war schon dunkel, als wir ankamen. Im Haus von ihrem Bruder wurden wir empfangen, quetschten uns alle hinein, enger als ein Taxi Brousse, immer wieder kamen Menschen rein, welche in diesem schrecklich hohen Ton ihre Traurigkeit aussprachen. Keiner Wollte recht verstehen, dass diese Frau nun tot war, obwohl sie sich doch hätte operieren lassen können. Anschliessend begaben wir uns in das Haus, wo Mdm Cuisiné mit Tüchern bedeckt war. Wir sangen lange um den Geist zum Himmel zu begleiten. Wenn die Frauen es schaffen, singen sie die ganze Nacht, während die Männer im Haus nebenan Karten spielen und sich betrinken. Nach zwei Stunden gingen wir wieder und kehrten am nächsten Morgen zurück, setzten uns vors Haus und waren traurig mit den verschiedenen Menschen, welche vorbeikamen. Es wurde viel geweint, viele Frauen verfielen dem dromba und so war es plötzlich zehn Uhr. Die Männer trugen Mdm. Cusiné zur Grabstätte, während alle Frauen wieder zu singen begannen und folgten. Beim Grab angekommen richtete der Pfarrer einige Worte an die Angehörigen, ehe wir wieder zurück zum Haus gingen, uns dort die Hände wuschen und die fünf Kilometer und zwei Stündge Bootsfahrt wieder zurück nach Nosy Varika in Angriff nahmen. 

 
*wunderschön traurig*


Es war ein prägendes Erlebnis, welches ich nie wieder vergessen werde. Bin froh, durfte ich daran teilnehmen. Es hat mich Madagaskar wieder einen Schritt näher gebracht. Ein unglaublich spannendes Land. So anders, so fremd aber im Grunde haben wir doch so viel Ähnliches.