Dienstag, 4. März 2014

Madagasikara

Meine Lieben,
Habe zwei unglaublich schöne und bereichernde Wochen hinter mir. Gemeinsam mit Päde und Bäschamää bin ich mit dem Taxibrousse gegen Süden gereist. Wir haben viel gesehen und erlebt. Mit Männer zu reisen ist unglaublich entpsannend. Wenn der Motor eines Taxibrousses nicht gleich startete, war ich ganz beruhigt, weil Bäschamää dabei war und wenn mich ein madagasse fragte, ob ich denn verheiratet wäre, zeigte ich immer auf den grossen Patrick (keine Sorge Céline! Notlüge) dann schwirrten die Madagassen jeweils schnell ab... 

Aber ich will dich für heute nicht länger zuquatschen sondern werde einfach einige Bilder (die sich nicht so drehen wollen wie ich das will) posten. So kannst du dich während der Arbeit auch mal ein bisschen in ein Paradies träumen... (Ich verstehe nun, warum die Menschen behaupten Madagaskar wäre so unglaublich schön! Diese Vielfalt, diese grossartige Natur! Atemberaubend! 



Mini Gspööndli (ufem Chopf)
D Reis mit de berüemtberüchtigte Taxibrousse

Fahrer: D Handbräms isch kaputt, chasch gschnäl drufsta, wärend ich s Gepäck vom Dach hole?

Mir sind Steiriich...
De Dschungel - e Wält für sich


En Tag ohni Riis isch kein richtige Tag!

 

Die 3 Denker



Das Gfühl vo soo vill Natur und ich sälber so en chline Teil devo isch atemberaubend... (es erinneret mi starch a Irland)

 

D Tierwält...

(Tante) Therese, das Bild isch für dich...
Oise Guide: "Ja, die Spinne isch jetzt giftig... Ja und sie spuckt ires Gift, aber sust isch nid wiiter schlimm..."
Und natürlich d Lemuure - würklich lustigi Wese...

 

Schlussändlich chömed mer im Paradies a:

Oises Huus in Anakao im Hotel Atlantis - das isch Himmel uf Erde!

Han s Gfühl i chängi s erstimal richtig dureschnufe, sitti da bin.

D Insle ganz i de nächi... (Wie im Film!)

 

En UUsfluug, sowas vo cuul...

Eimal hemmer ois mitere Piroge hinders Riff fahre laa, womer au mal händ chöne go tauche ga. Dete hets Wällänä - s wär es riise Surferparadies. Während mir das kläglich versuecht händ, isch oisen "Schofför" mit de Harpuune go fische. Nachere Stund simmer uf die Insle gfahre, wod obe xeesch. Dete hends ois es madagassisches Picknick gmacht - en Traum!





I hett ja erlichxeit nüme dra glaubt, dass ich das jemals no wirde behaupte: Aber Madagaskar isch unglaublich schön! 
Liebe Päde, liebe Bäschamää, danke vill mal für die super Ferie! De hemmer! 

 

Und no e madagassischi Erfahrig

Gägäs Ändi vo de Ferie hani chum me chöne sitze oder laufe oder sta, han en Abszäss gha. Wonis nüme usghalte han, bini denn im Spital go ineluege. Dete händs das ufgstoche und d Flüssigkeit usedruckt. I ha gmeint i segi härt im nä, aber dem war nicht so! Di heime het d Mel, mini noii Mitbewohnerin das ganzi namal müese mache... 
Oisen Operationstisch

Lokalanästesie: Ein Schluck für mich, zwei für d Mel (sust hettsis nid gmacht ;) )


 

Adeee....

Ja und jetzt hani alli mini Sache zämäpackt in Tana. Morn gaz loos richtig Ostküste is noii Projekt. Bin gspanne und eimal meh nervös. Froimi uf das was chunt und hoffe inständig, dassi wiiterhin sovill Glück han wie bis anhin... Internet hani dete nid würklich, also mäldimi mal ab füren Monet... 
Hend oi sorg... i dänkä a oi...

Mittwoch, 12. Februar 2014

Faly Faly Be! (Glücklich, glücklich sehr!)


Nach meinem letzten, doch eher tristen Post, ist es nun wirklich an der Zeit alle meine Freude und „Seeligkeit“ mit dir zu teilen. Möchte mich aber noch bedanken für die vielen lieben Rückmeldungen, die ich von euch erhalten habe. Ich freue mich, dass ich dir Madagaskar durch meine Berichte etwas näher bringen kann.
Diavolana
Bodo am Blumen giessen
Heute ist Sonntag, ich sitze gerade auf dem Balkon von Clarisse, der Hausbesitzerin, höre Musik (Kevin, du bisch eifach en Held!) um den mir langsam auf den Keks gehende Gesang der Kirche gleich im Haus nebenan zu übertönen. die Sonne scheint, und mein Herz hüpft vor Freude. Ja jetzt, da ich meine Zelte in Tana bald abbrechen werde, fühle ich mich hier wirklich wie zu Hause. Ich bin Menschen begegnet, die ich mag und die mir wichtig sind. Zum Beispiel die Nachbarsfamilie.   Habe sie an der Beerdigung der Grossmutter in meinem Haus kennengelernt. Wir plaudern jeweils über Madagaskar, die Schweiz, das Leben, unsere Ideen und Träume. Eine wunderbare Bekanntschaft. Es gibt also doch auch in der Stadt Tana Menschen, die sich nicht nur für das Geld der Vazahas interessieren. Seit einer Woche habe ich eine Mitbewohnerin aus Lausanne. Sie heisst Melanie und macht, genau wie ich, einen Stage im Zentrum Tanana Mirana. Es ist super am Abend nicht alleine zu essen, den Tag nochmals Revue passieren zu lassen, Gedanken, Erfahrungen und  Ansichten auszutauschen oder einfach zu plaudern (und dazu Rotwein zu trinken ;))
Yvane



Norohashina

Lova Gibt mir Madagassischnachhilfe
Mit den drei Mädchen spiele ich gelegentlich Uno – selbstverständlich mit allen Zusatzregeln ;) – gebe ihnen Englischnachhilfe und wir schauen immer mal wieder einen Film zusammen. Mit der Mutter versuche ich mich täglich auf Madagassisch zu verständigen (eine wunderbare Frau) und mit dem Vater gehe ich hin und wieder mal n Bier trinken. Täglich stattte ich Mdm. Claire am Abend einen Besuch ab in ihrem Laden, wo sie Eier und Tierfutter verkauft.


Auch in der Schule habe ich doch noch das Gefühl, meinen Platz gefunden zu haben. Seit den Weihnachtsferien und wahrscheinlich seit dem Moment, als ich entschieden habe Tana früher als geplant zu verlassen, bin ich viel entspannter, versuche nicht mehr kläglich Freunde zu finden und schaue diesen Ort als meinen Arbeitsplatz (halt ohne eine Cheri, eine Linda oder eine Manu) an. Ich freue mich riesig, dass ich mit den Kindern langsam in der Gebärdensprache kommunizieren und vor allem lachen kann! Die Spezialklasse darf ich eigentlich selbständig leiten und es bereitet mir immer mehr Freude. Die Lehrer trauen mir mittlerweile mehr zu, so dass ich auch mal alleine gehörlose Kinder im Englischunterricht integrieren darf. Am vergangenen Samstag habe ich einen Mathecrashkurs für die Lehrer gehalten. Sie haben sich riesig dafür interessiert, haben alles wissen und verstehen wollen. Was mich am allermeisten gefreut hat ist, dass die Lehrperson aus der öffentlichen Schule auch gekommen ist. Das zeigt doch trotzdem, dass sie etwas verändern möchte an ihrem Unterricht. (Was aber schwierig ist, wenn du eine Schulleitung hast, die immer nur nach dem madagassischen Programm gehen möchte.)
Es war trotzdem ein wunderbarer Nachmittag. Liebe Isa, danke nochmals viel tausend Mal für deine Hilfe!

Auch sonst bin ich zufrieden, aus Gründen, die du, wenn du mich nur ein kleines bisschen kennst, dir nicht vorstellen kannst! Das madagassische *mora mora* (langsam, langsam) hat sich schon voll in mein Herz eingebrannt. Ich geniesse es unendlich, so viel Zeit zu haben. Befürchte schon fast, einmal zurück in der Schweiz wird der Kulturschock viel grösser sein als zum Zeitpunkt als ich hier in Madagaskar ankam. Aber das dauert zum Glück ja doch noch eine Weile. Obwohl, nochmals so viel Zeit und ich sitz euch schonwieder auf der Pelle J

Hier noch einige schöne oder lustige Erlebnisse, welche mir in den vergangenen Monaten wiederfahren sind und bewirken, dass ich so *faly be* bin. J

Taxibrousse
Im Dezember bin  ich mit Linda, meiner madagassichen Freundin, nach Ampefy gefahren. Das sind ca. 3h Taxi Brousse. Ich war froh, dass ich mit ihr zusammen war, die Ankunft an der Taxibroussestation ist die Hölle! Kathrin, Lea, Päde und Bäschamä – ihr könnt euch auf was gefasst machen! Alle ziehen an deinen Kleidern, wollen dich für ihren Bus gewinnen – nicht wirklich toll. Ja, schlussendlich landeten wir also in einem – doch schon ziemlich gefüllten - Taxi Brousse und belegten zu zweit den letzten Platz. Dachten wir! Kurz darauf, wurden nochmals zwei Personen eingeladen. So befand ich mich einem Madagassen gegenüber, so eng umschlungen, als würden wir uns schon ewig und „gut“ kennen. Nun ja, er sah nicht übel aus, machte mir somit nicht wirklich was aus ;) (haha, und um das gleich zu klären: nein, habe niemanden gefunden, den ich nach Hause nehmen möchte!)
Auf dem Rückweg hatten wir etwas bessere Plätze, aber zu Spitzenzeiten waren wir 31! EINUNDREISSIG! Menschen in diesem kleinen Minivan!

Ferien mit meiner lieben Mama und meinem lieben Papa

Ah, wie habe ich mich auf den Dezember gefreut letztes Jahr. Mama und Papa sind am 22. Dezember in Madagaskar angekommen. Gemeinsam sind wir mit einem Fahrer durch einen kleinen Teil Madagaskars gereist. Ich sage euch – und ich habe selber nicht mehr daran geglaubt, dass ich das überhaupt mal noch behaupten würde – Madagaskar ist sooo wunderschön! Während zwei Tagen fuhren wir durch das Hochland. Diese vielen verschiedenen Grüntöne, die Reisfelder, die Hügel, so viel Natur und Landwirtschaft - eine Wonne für Auge und Herz. Was mir auch besonders gut gefallen hat, neben den Gesprächen mit meinen Eltern, war eine zweitätige Pirogenfahrt (Schiff) auf dem Pangalankanal, welcher der Ostküste entlang fliesst. Wunderschön!



Schoggibruun halt! <3

Gänds zue!!!


Natürlich hatten wir viele Begegnungen und ich schildere euch gerne ein, zwei davon.

Im September war ich bereits einmal in Andovorantro (ein kleines Dorf an der Ostküste, welches nur sehr schwer zu erreichen ist). Dort gibt es ein kleines Hotel, mit äusserst lieben Menschen. Beim letzten Mal haben wir Fotos gemacht, welche ich dieses Mal verteilen durfte (Danke Ellen!). Es ging nicht lange, da sprach sich im Dorf herum, dass ein Vazaha (Fremder), der ein wenig madagassisch spricht, Fotos verteilt. Die Menschen waren sehr hilfsbereit und schickten uns von Haus zu Haus um die abgebildeten Menschen zu finden. Überall sammelten sich sogleich Menschen an und die Fotos wurden weitergereicht. *Es riise Gaudi* Irgendwann landete ich bei einer Frau, dessen Schwester abgelichtet war. Sie war gerade dabei, ihrer Tochter kleine Zöpfe zu flechten. Ich stand noch eine weile daneben, schaute zu und fragte, ob ich das auch bekommen könnte. Sie willigte sofort ein und meinte, ich solle am Nachmittag wieder vorbei kommen.

Also ging ich um zwei Uhr nochmals ins Dorf. Wir setzten uns unter einen Baum auf den Boden und während der nächsten Stunde flechtete sie mir die Haare und wir versuchten uns irgendwie zu verständigen. Es dauerte nicht lange, da waren auch schon die ersten Kinder aufgetaucht um zuzuschauen. Die Frauen, die vorbeikamen hielten auch an um zu plaudern. Es war wunderbar. So schön, dass es doch noch solche liebenswürdige Menschen gibt in Madagaskar, die nicht nur auf das Geld der Vazahas aus sind, sondern sich genau so über eine Begegnung freuen, wie wir das machen.

Wochenendeausflug
Im Januar  verbrachte ich ein Wochenende in Andasibe. Werde dort auch noch einige Wochen im Mai arbeiten können. Irgendwo in der Pampa, wo es wirklich nichts gibt. Weder Strom noch fliessend Wasser. Freue mich riesig auf diese Erfahrung.  Habe dort Kera kennengelernt. Sie ist Deutsche, und macht eine Käferstudie (ich interessiere mich nun für Käfer! ;) ). War super spannend mit ihr und einem Guide durch den Dschungel zu kommen. Am Abend landeten wir in sowas wie Ausgang. Das erste mal seit ich hier bin. Haha, die Madagassen sind einen Kopf kleiner als wir Europäer und wenn wir zusammen tanzen - ob Frauen oder Männer miteinander spielt hier keine Rolle – haben sie den Kopf immer auf unserer  Brusthöhe. Neben ihnen sehen wir auch aus wie Bauarbeiter (gäll Jana ;))
Als ich am nächsten Tag zurück wollte, fuhr kein Taxibrousse, also fragten wir kurzerhand in einem kleinen Laden nach, ob sie nicht für ein bisschen Geld in die nächste Stadt fahren würden. Hihi, somit begann für mich eine rasante Töfflifahrt – ein super Erlebnis.

Coiffeur

Meine neue Bekannte, Madame Claire ist Coiffeuse und sie hat schon lange gequängelt, sie müsse mir dringend die Haare schneiden. Sie hatte auch recht, wenn sei meinte, sie wären schon ganz kaputt. Zuversichtlich wie ich bin, willigte ich ein und fragte, ob sie mir auch gleich Mash machen könne. Natürlich, wann ich denn die Farbe kaufen würde? – haha, hier bringt der Kunde die Farbe selber mit. Also befand ich mich irgendwann mit einer Packung Bleichungsmittel bei ihr im Coiffeursalon. Sie legte sogleich loos und oh meine Güte! War ich froh, war es schlussendlich nicht die gleiche Farbe, wie auf der Packung abgebildet. Ich hätte ausgeschaut wie Calmy Rey. Und den Haarschnitt, ja den hätte ich selber wohl auch noch hinbekommen. Sie hingegen war entzückt von meiner neuen Frisur J

Weihnachten zum 100tsten und das im Februar

Diese Woche haben wir tatsächlich nochmals Weihnachten gefeiert! Jedes Kind musste ein Geschenk mitbringen, schön eingepackt, wenn kein Geschenkpapier vorhanden ist, dann nimmst du Zeitung. Anschliessend werden Namen gezogen, Geschenke ausgetauscht und Küsse verteilt. Haha, es war zu komisch und mein Geschenk ist das Beste!! J

Und dann gibt es da noch die vielen kleinen Dinge, welche mich stolz und daher glücklich machen:
Habe das Gefühl, das Land langsam verstanden zu haben. Ich freue mich riesig, wenn ich mittlerweile nicht nur einen schönen Tag wünschen sondern auch noch über das Wetter plaudern kann. J Oder auch Dinge wie das Einkaufen haben sich verändert. Unterdessen finde ich das Handeln eigentlich noch lustig. Natürlich beginnen sie immer noch mit immensen Preisen, dank meinem kleinen madagassischen Wortschatz (muss zugeben, habe das lernen etwas vernachlässigt) kommen sie schon mal ein bisschen runter. Ja, und dann tue ich einfach so, als wüsste ich bestens bescheid und so finden wir uns ziemlich schnell wieder im Bereich der Madagassen. Schlussendlich lachen sie und meinen: ah, du verstehst Madagaskar. Ja und weil mir diese Dinge gelingen und weil ich es alleine schaffe, mich hier heimisch zu fühlen bin ich stolz und zuversichtlich und überglücklich. J

Abschied nehmen
Ja, nun kommen einige Veränderungen auf mich zu. Freue mich, dass kommendes Wochenende Päde und Bäschamä hier eintreffen, wir werden gemeinsam eine Reise Richtung Süden machen. Anschliessend packe ich meine Sachen hier in Tana zusammen und mache mich auf den Weg nach Nosy Varika, ein kleines Städtchen an der Ostküste, das zur Zeit nur mit dem Schiff erreichbar ist. Dort werde ich während einem Monat in einem Projekt für arme Mütter und deren Kinder mithelfen. Also ich werde hauptsächlich in der Schule tätig sein. Bin gespannt auf diese neue Herausforderung. Bin aber froh, dass ich mein Zimmer hier in Tana behalten kann und somit immer zurück in mein „ZuHause“ kommen kann.

Ja meine Lieben, ich hoffe, ich konnte euch durch diese Zeilen auch die schönen Seiten Madagaskars näher bringen und euch zeigen wie unglaublich zufrieden ich bin! Dieses Jahr hier ist das grösste Geschenk, das ich mir je hätte machen können.
Ich schicke euch etwas *mora mora*, Sonnenschein und Zufriedenheit.
Alles Liebe, Chrigi

Freitag, 17. Januar 2014

malahelo (traurig)


Ich weiss gar nicht richtig, wie ich diesem Blogeintrag beginnen soll. Ich bin traurig. Nicht für mich (mir geht’s wunderbar) ich bin traurig für Madagaskar, für die Menschen, die hier wohnen, für die Tiere, die bald keinen Platz mehr finden, für die Pflanzenwelt, für die Kinder, für die Erwachsenen, für die Gemeinschaft, für ihre Denkweise für die Politik… 

Was geschieht nur mit dieser Insel? – frage ich mich seit zwei Tagen ununterbrochen. Ausschlaggebend war folgendes Erlebnis im Zentrum:

Am Mittwochnachmittag verschwand ein Gegenstand der Schule spurlos (Eine Ballpumpe, welche uns meine Handballgspöndli ganz neu geschenkt haben). Anscheinend war das nicht das erste Mal dass so was passierte. Meine Chefin erzählte mir von so vielen Vorfällen, als Spiele, Gegenstände aus der Küche, Kleider, immer wieder Geschenke von Besuchern, haufenweise Geld und sogar Reis verschwand…  

Stell dir vor, wie sich das anfühlen muss, wenn du all dein Herzblut, so viel Zeit, so viel Geld, eigentlich dein ganzes Leben investierst um anderen Menschen zu helfen, diese dich als Dankeschön aber nur beklauen? Wie frustrierend muss das sein? Wie fühlt sich ein Leben an, wenn du keiner Person in deinem Umfeld trauen oder vertrauen kannst? Wenn du immer alle und alles kontrollieren musst, was für dich gemacht wird? (Wir gehen davon aus, dass es eine Lehrperson war, welche die Pumpe mitgehen liess)

Auch ich habe Dinge in diese Richtung erfahren. Nur für mich ist es viel einfacher, weil ich nur ein Jahr hier bin und anschliessend wieder in meine „heile“ Welt zurückkehren darf. Kannst du dich erinnern, dass ich vor meiner Abreise gesagt habe, am meisten fürchte ich mich davor, dass mich die Menschen hier nicht mögen!? Du hast mich ausgelacht und gemeint, das wäre nicht möglich. Lange schien es mir aber, als wäre das tatsächlich der Fall. In der Schule, also unter den Lehrern,  habe ich eigentlich keine Freunde gefunden – oder keine „Richtigen“. Solche wie dich, die sich für mich und mein Herz und nicht nur für mein Geld interessieren. Es schien mir, als würden sie mich nur als den reichen Vazaha sehen, der Geschenke bringt. Dass hinter diesen Geschenken eine Person mit einem Herzen steckt, bedenken sie gar nicht. Sie haben sich halb so sehr für mich interessiert wie ich mich für sie. Vor Weihnachten machte mich das unendlich traurig. Inzwischen verstehe ich es zwar nicht, aber kann mich doch eher davon abgrenzen. Ich glaube, in dieser riesigen Stadt -zur Erinnerung:  es leben hier acht Millionen Menschen auf extrem kleinem Raum - ist das Leben ein täglicher Kampf. Der Hautgedanke vieler Menschen ist Essen. Dann Geld und wenn sie beides haben, wollen sie noch mehr und schlussendlich den Luxus.

Nach dem Vorfall diese Woche, wurde mir einmal mehr bewusst, mit welchen Problemen die Menschen hier zu kämpfen haben. Es ist nicht nur die Armut, es ist auch der Egoismus und hautsächlich die Gier. Ich frage mich, woher das kommt. Liegt es an uns? Weil wir so viel haben, sie das sehen und verständlicherweise das Gleiche wollen? Was ist nur los mit den Menschen, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse über die aller anderen stellen. So extrem, dass es ihnen keine Rolle spielt wenn eine Schule geschlossen wird?  Damit hat die Chefin nämlich gedroht und zwei Tage machte es den Anschein, als würde das tatsächlich eintreffen. Am Donnerstag mussten wir das Mittagessen draussen essen, am Freitag gab es vorerst gar keines. Die Kinder mussten ihre Teller und Finken nach Hause nehmen in der Annahme, dass sie nicht mehr kommen dürfen. Ihr hättet diese Gesichter sehen sollen. Ich hätte heulen können. Jene Kinder haben, wenn sie nicht ins Zentrum kommen dürfen, nichts. Teilweise nicht mal Essen. Diese Kinder und jungen Erwachsenen, die ich so sehr in mein Herz geschlossen habe, weil sie so herzlich liebenswürdig, ehrlich und gleichzeitig so schutzlos sind, leiden alle unter dem Umstand, dass eine Person, welche schon ganz viel hat noch mehr möchte? Wie kann man dem entgegenwirken, wenn es nicht mal was ändert, wenn die Chefin die Polizei ruft und eine Person aus dem Zentrum ins Gefängnis muss? (Das ist alles tatsächlich vorgefallen) 

Zum Glück hat Mirana (die Chefin) so ein gutes Herz. Sie würde es wohl kaum übers Herz bringen, die Schule wirklich zu schliessen. Auch wurde am Freitag doch noch Brot und Bananen gekauft, dass die Kinder nicht hungrig in die Schule zurückkehren mussten. Und das wissen viele der Anwesenden natürlich. Sie wissen, sie wird wütend sein, schlussendlich aber nachgeben und weitermachen wie bis anhin. Davon profitieren sie selbstverständlich liebend gerne.

Was geschieht mit unserer Welt? Du kennst mich. Ich glaube ganz fest an das Gute im Menschen. Auch wenn ich es inzwischen besser weiss – hoffe ich inständig immer noch, dass es keine schlechten Menschen gibt auf dieser Welt. Doch ich merke, wie diese Hoffnung langsam zerbricht. Habe lange Gespräche mit meiner Chefin geführt. Sie hat mir Dinge über dieses Land erzählt… Über die Politik zum Beispiel: Wie viel Geld vom angehenden Präsidenten geklaut und in seine Propaganda investiert wurde. Laut Zeitungen hat er Geld verteilt um die Einheimischen von sich zu überzeugen. Sie hat erzählt, wie der vorhergegangene Präsident geschütztes Rosenholz exportiert hat, wie die Polizei im allgemeinen arbeitet… Einiges habe ich inzwischen auch selber schon erlebt. Wenn du zum Beispiel auf der Strasse überfallen wirst, schauen alle zu und keiner hilft dir (habe das mit meinen Eltern am eigenen Leib erfahren – es war zum Glück nur ein wertloses Armband). Die Polizei knöpfte meiner Mutter und meinem Vater am Flughafen 30‘000 Ariari ab, was eine Meeeeenge Geld ist für einen Madagassen!  Ja, das sind alles Geschichten, die wir kennen. Wir wissen, dass in so vielen Ländern kein Verlass ist auf die Hilfe der Polizei oder des Staates. Aber weil ich nun wahrnehme, wie sehr schlussendlich harmlose, liebenswürdige Menschen darunter leiden, macht es mich doch unendlich traurig. 

Ja und genau diese liebenswürdigen Menschen machen, dass ich gleichzeitig zu meiner Trauer so glücklich bin. Es sind die jungen, handycapierten Erwachsenen im Zentrum, die mit mir lachen, die sich freuen, wenn sie mir begegnen am Morgen, die täglich ihr Bedauern zum Ausdruck bringen, weil ich Tananarivo und somit das Zentrum bereits in vier Wochen verlassen werde. Es sind diese Menschen, von denen ich unglaublich viel lernen darf, die mir zu verstehen geben, wie zufrieden man auch trotz Armut leben kann und die mich so sehr in meinem Herzen berührt haben. 

Durch sie wurde mir einmal mehr bewusst, wie unglaublich viel Glück ich habe in meinem Leben. Wie gut es mir geht in der Schweiz, wie schön es ist, Freunde wie dich zu haben, die auch während meiner Abwesenheit an mich denken, die sich freuen, wenn ich (auch ein bisschen dick) wieder nach Hause komme, denen ich vertrauen, bei denen ich mich ausheulen darf, die mich verstehen, mit denen ich lachen, Dinge unternehmen und so vieles teilen kann. Ich glaube, ich sage dir viel zu wenig oft danke! 

Danke, dass es dich gibt!


So düster und doch so schön